Fatih Bingöl möchte in Heilbronn Gemeinderat werden. Der Kandidat mit türkischen Wurzeln rechnet sich große Chancen aus - obwohl er keinen guten Platz auf der SPD-Liste bekommen hat.
Sein Vorname ist wohl Programm für Fatih Bingöl. Fatih ist das türkische Wort für Eroberer. Der Audi-Arbeiter aus Heilbronn möchte also das Rathaus erobern, möchte am 25. Mai gleich im ersten Anlauf in den Stadtrat gewählt werden. Die SPD hat den 37-Jährigen, Mitglied seit 2010, auf Platz 26 ihrer Liste mit 40 Namen gesetzt. Dass dadurch die Chancen des Neulings nicht gerade verbessert werden, grämt ihn nicht im geringsten: "Die Kreisdelegiertenkonferenz hat das so beschlossen." Derzeit sind die Sozialdemokraten mit elf Mandaten im 40-köpfigen Gremium vertreten. Doch Bingöl macht sich große Hoffnungen auf den Einzug in den Ratssaal: "Ich habe ein gutes Bauchgefühl", gibt sich der Kandidat unerschütterlich optimistisch.
"Alle kennen Fatih", erklärt Heidi Trutzenberger, eine Freundin der Familie Bingöl, deren Kinder in Feuerwehr und Sportverein aktiv sind. Im Heilbronner Stadtteil Böckingen (21 700 Einwohner) wird Fatih Bingöl als zuverlässig und hilfsbereit geschätzt. "Er packt an, wenn Not am Mann ist", erzählt die Nachbarin. Dass er Moslem ist und seine Eltern aus dem 3400 Kilometer entfernten Erzurum, der größten Stadt in Ostanatolien, eingewandert sind, spiele in dem multikulturellen Stadtteil "überhaupt keine Rolle".
Der in Heilbronn geborene Bingöl, seine Frau Süriye, zwei Töchter und zwei Söhne im Alter von acht bis 18 Jahren - alle haben die deutsche Staatsbürgerschaft. "Ich fühle mich wohl hier, das ist meine Heimat", sagt der gelernte Fliesenleger, der jetzt als Fertigungsfachkraft bei Audi am Band steht, A6 und R8 zusammenschraubt. Für diese Heimat will er sich politisch engagieren. Beim OB-Wahlkampf des späteren Siegers Harry Mergel hat er fleißig mitgeschafft, als Helfer schob er Dienst in einem Wahllokal. Zu zwei Gemeinderatssitzungen ging er als Beobachter: "Das ist sehr interessant." Bekäme er genug Stimmen, rund 7000 sind wohl nötig, würde er sich für "bessere Verkehrslösungen" einsetzen, auch hässliche Baulücken sollten geschlossen werden. Vor allem aber möchte er mehr tun für die Integration.
Fatih Bingöl arbeitet seit über 17 Jahren nur nachts, von 22.30 bis 6 Uhr. "Wenn die Gemeinderatssitzung um 15 Uhr beginnt, bin ich ausgeschlafen", meint er. Und wenn die Tagesordnung abgearbeitet ist, könnte er direkt weiter in die Fabrik statt zur fröhlichen Nachsitzung. Bingöl unterscheidet sich kaum von Altböckingern, deren Urahnen sich schon hier niedergelassen haben. Er ist allenfalls aufgeschlossener, sucht sehr offensiv das Gespräch. Seine Maximen hören sich sehr deutsch an. "Wer schafft, kommt nicht auf dumme Gedanken", sagt der Schrebergärtner. Wird er gebraucht, gilt keine Ausrede: "Kann ich nicht, gibt"s nicht."
Für den Heilbronner Gemeinderat gibt es 330 Bewerber von neun Listen. Fatih Bingöl ist einer von insgesamt 45 Kandidaten mit Migrationsgeschichte, davon tritt mehr als die Hälfte für die Linke an. Die Stadt am Neckar ist nach dem Verständnis der Verwaltung "weltoffen und international", hier leben Menschen aus 130 Nationalitäten zusammen. 46 Prozent haben in ihrer Biografie mindestens ein Kapitel über Zuwanderung; dazu gehört der künftige Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD), dessen Eltern Vertriebene sind.
Fatih Bingöls Vater ist stolz auf die Ambitionen des umtriebigen Sohnes, wählen kann er ihn nicht - er hat keinen deutschen Pass. Klappt es mit der Wahl doch nicht, will Bingöl 2018 wieder antreten.
Quelle: Südwest Presse vom 23.04.2014


