SPD Heilbronn

 

Erinnerungen an das Kriegsende im Unterland

Veröffentlicht in Arbeitsgemeinschaften

Der Nordheimer Manfred Plieninger plädierte vor SPD-Senioren für Frieden

Krieg und Frieden ist und bleibt für die SPD-Senioren ein Kardinalthema – erst recht für diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg und/oder die Nachkriegszeit miterlebt haben. Bei der November-Veranstaltung der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 plus Heilbronn Stadt und Land im Böckinger Treff, dem früheren Böckinger Rathaus (und
ehemaliger Nazi-Zentrale), kam jetzt ein Zeitzeuge zu Wort, der einiges zum Kriegsende im Unterland 1944/45 zu berichten wusste: Manfred Plieninger aus der Heilbronner Nachbargemeinde Nordheim, Jahrgang 1932, seit über 50 Jahren SPD-Mitglied und 26 Jahre lang Gemeinderat.
Eine Geschichtsschreibung voller Kriege
„72 Jahre Frieden in Deutschland – das hat es noch nie gegeben!“ Manfred Plieninger wollte sich jedoch nicht mit dem Geschehen in seiner Lebenszeit begnügen, sondern das Phänomen von Kriegen grundsätzlich thematisieren. Als ersten Kriegstoten machte er Abel aus, der von Kain, dem ältesten Sohn von Adam und Eva erschlagen wurde. Die Bibel wie die Geschichtsschreibung ist voll von
Kriegen. Aber wenn es dann heißt, „Alexander der Große erobert Kleinasien“ oder „Cäsar schlägt die Gallier“ oder von Napoleons Kriegen die Rede ist, bekomme man ein falsches Bild von Kriegshelden. Auch die Verherrlichung von Luther und der Reformation sei zu hinterfragen, denn schließlich sei dies der Auslöser für den Dreißigjährigen Krieg (1616-1648) gewesen.
Dieser von vielfältigen politischen Interessen getragene verheerende Religionskrieg habe dazu geführt, dass die Hälfte der Bevölkerung in deutschen Landen ausgelöscht wurde und die Überlebenden völlig verarmt waren. Die Opferzahlen seien vergleichsweise um ein Mehrfaches höher gewesen als die in den beiden Weltkriegen und habe Mitteleuropa bestimmt um 100 Jahre zurückgeworfen.
Plieninger erinnerte an eine Reihe von weiteren Kriegen, die zumeist von den Machtgelüsten von Monarchen und Adligen ausgelöst und auf dem Rücken der Untertanen ausgetragen wurden: Pfälzer-, Spanischer- und Österreichischer Erbfolgekrieg, deutsch-österreichischer und deutsch-französischer Krieg. Auch weil ein Thronfolger ermordet wurde, kam es zum „großen Krieg“ von 1914/18 mit zehn Millionen Toten. Beendigung vor 99 Jahren am 11. 11. Und dann die weitere Kriegsfolge, der Aufstieg von Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus, bis Nazi-Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg entfachte, mit 55 Millionen Toten, davon 30 Millionen Opfer in der Zivilbevölkerung. Man habe also heute allen Grund, den 1. September als Antikriegstag zu bedenken. Das Kriegsende im Unterland 1944/45. Was hatte nun der Zweite Weltkrieg für Auswirkungen auf Heilbronn und die Region?
Manfred Plieninger listete auf: Der erste tote Soldat aus Heilbronn wurde bereits Anfang September 1939 gemeldet, der erste Ziviltote infolge Luftangriff am 17. Dezember 1940. Weitere Luftangriffe erfolgten im August 1941, im Mai 1942, im Februar 1943, US-Luftangriffen am10. September mit 279 Toten, vielfacher Alarm
wegen „Bomber-Karle“ im Herbst und schließlich die Angriffe der Royal Air Force am 4. Dezember 1944 mit fast 7000 Toten und Zerstörung der Altstadt Heilbronn. Der junge Plieninger fand kurz danach das verwüstete Bahnhofsviertel völlig menschenleer vor. Zwischendurch und danach immer wieder Traueranzeigen über
den „Heldentod für Führer, Volk und Vaterland“.
Nordheim lag zwar auch im Zielbereich feindlicher Bomber, wegen der Scheinanlage des Stuttgarter Bahnhofs bei Lauffen, doch blieb der Ort verschont, weil die Alliierten frühzeitig die Täuschung entdeckten. Plieninger konnte sich als Zwölfjähriger nochunmittelbar vor Kriegsende der sonst wohl tödlichen Verpflichtung als Melder
entziehen. Erst kam noch ein Haufen von versprengten Soldaten nach Nordheim, dann wurde Nordheim am 5.April 1945 nach schweren Kämpfen von französischen Einheiten besetzt. „Unsere Straße stand auf einmal voller Panzer, und dann befand man sich plötzlich auf der anderen Seite“, so Plieninger. Alsbald kam auch Nordheim unter
amerikanischer Besatzungsherrschaft. Mühsam gelang den vorrückenden Amerikanern ein Brückenschlag über den Neckar
nach Heilbronn. Nach elftägigem Kampf übernahm am 13. April die US-Militärregierung die Herrschaft über Heilbronn und setzte sofort den 1933 verjagten Oberbürgermeister Emil Beutinger wieder in das Verwaltungsamt ein. Plieninger versäumte nicht zu erwähnen, dass der rabiate Heilbronner NS-Kreisleiter Drauz auf der Flucht vor den Amerikanern noch am 6. April 1945 an der Schweinsbergstraße vier Bürger erschießen ließ, weil sie – auf Rat eines Offiziers –
weiße Fahnen aus dem Fenster gehängt hatten. Drauz wurde am 4. Dezember 1946 in Landsberg von einem US-Militärgericht zum Tode durch Erhängen verurteilt, und zwar wegen Mord an einem bei Neipperg abgestürzten US-Bomberpiloten. Die UNO sowie Krieg und Frieden nach 1945. Manfred Plieninger äußerte sich zwar zufrieden über die lange Friedenszeit in Deutschland und über die Aussöhnung und Freundschaft mit dem „Erbfeind“ Frankreich sowie über den schnellen Wiederaufbau, die Demokratisierung des
Staatswesens und den Aufstieg Deutschlands zu einer der stärksten
Wirtschaftsmächte und dominierender Stellung in der Europäischen Union mit politischer Anerkennung in der Weltgemeinschaft. Aber seit 1945 galt es auch, im Ost-West- Konflikt den „Kalten Krieg“ zu überstehen, der die Welt bis an den Rand des atomaren Abgrunds führte. Und dann gab es auch hunderte von regionalen Kriegen, meist Stellvertreterkriege der Supermächte oder anderer verfeindeter
Länder sowie Revolten und Bürgerkriege: Auch die maßgebliche Rolle unserer Befreier, der USA, in schlimmen Kriegen: Korea- und Vietnam-Krieg, Krieg in Afghanistan und im Irak. Schließlich erinnerte Plieninger daran, dass am 26. Juni 1945 in San Francisco mit der Unterzeichnung der Charta der Vereinen Nationen die UNO (United Nations Organization) gegründet wurde, entwickelt aus der „Erklärung der Vereinten Nationen“ (der Alliierten gegen Deutschland) vom 1.Januar 1942 mit damals 51 Unterzeichnern. Wichtigste Zeil der UNO mit ständigem Hauptsitz in New York ist –
laut Plieninger – die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Staaten auf der Grundlage von Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Nationen. Doch das hat nicht verhindert, dass es zwischen den einzelnen der nahezu 200 Mitgliedsländern immer wieder zu Konflikten und Kriegen gekommen ist. Der Frieden ist und bleibt brüchig und verwundbar, aber er ist unser höchstes Gut“, so
Manfred Plieninger. Diesem Votum konnten die SPD-Senioren nur zustimmen. Und in einer regen Aussprache wussten viele von ihnen noch aus eigenem Erleben Erinnerungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit beizusteuern, wobei man sich in einer gewissen
Schicksalsgemeinschaft vereint sah – mit entsprechenden Forderungen an Partei- und Regierungspolitik.
(Helmut Sauter)

 

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